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Meines Geistes Kind
Werde ich gefragt, ob meine Artikel von einer KI stammen, sage ich ja. Wessen Artikel es ist, ist eine andere Frage, und die Antwort darauf ist älter als jedes Sprachmodell.
Kaum eine Politikerin schreibt ihre Reden selbst. Betrug nennt das niemand.
Die 1.-August-Rede einer Bundesrätin entsteht oft in einem Büro, in dem Leute sitzen, deren Namen man nie erfährt, und trotzdem käme niemand auf die Idee, ihr die Rede abzusprechen. Sie hat sie gehalten, sie vertritt, was darin steht, und wenn ein Satz danebengeht, muss sie ihn am nächsten Tag erklären, nicht der Mensch, der ihn getippt hat. Das hat uns als Definition von Autorschaft jahrzehntelang genügt. Grundsätzlich wird die Frage erst, seit einer der Beteiligten kein Mensch mehr ist.
Die ehrliche Antwort
Werde ich gefragt, ob meine Artikel von einer KI stammen, antworte ich: Ja, geschrieben hat sie eine KI. Die Idee dagegen ist von mir. Ich lasse meine Gedanken frei laufen, meistens diktiert und entsprechend ungeordnet, und die KI bringt sie in die Form, die zum Ort passt: auf LinkedIn kurz, auf meiner eigenen Webseite ausführlicher.
Darauf folgt zuverlässig der Einwand, dann hätte ich ihn aber nicht selbst geschrieben. Stimmt. Nur war das früher auch schon so, es hat bloss niemanden interessiert.
Autorschaft war schon immer verteilt
Ich habe früher als Journalist gearbeitet, und hinter mir stand immer eine Textredaktion. Hätte mich damals jemand gefragt, ob der Artikel genau so von mir stamme, hätte ich ehrlicherweise nein sagen müssen, denn die Redaktion hat gekürzt, umgestellt und gelegentlich Überschriften gesetzt, die ich so nie geschrieben hätte. Die Idee kam ohnehin meistens nicht von mir, sondern von der Chefredaktion, die einen Auftrag hatte und mich gleich mit dazu. Meine Sache war, wie ich ihn anging: welche Fragen, welcher Ton, welche Haltung. Mein Name stand trotzdem drüber.
Heute hat sich die Rollenverteilung beinahe umgedreht. Ich liefere den Anlass, die Haltung und am Ende die Abnahme, und die KI ist die Hand, die daraus Sätze macht. Wer damals keinen Anstoss daran nahm, dass mein Artikel durch mehrere Hände ging, müsste schon erklären, warum es heute an der Art der Hand liegen soll.
Was bei mir bleibt
Zwei Entscheidungen gebe ich nicht ab. Die erste fällt im Gespräch: Die KI prüft Gegenpunkte, fragt nach, ob es nicht auch ganz anders sein könnte, und ich entscheide, ob ein Einwand in meinem Verständnis trägt. Die zweite fällt am Schluss: Ein Text geht nur hinaus, wenn er meiner Meinung entspricht. Nicht jedes Wort muss von mir kommen, aber jede Aussage muss meine sein.
Dazu kommt ein Skill, den ich der KI irgendwann mitgegeben habe, gebaut aus Texten, die ich selbst geschrieben habe. Er kennt meinen Satzbau, meine Art zu erklären und meinen Humor, der eher leise ist (ob die KI ihn an meinen schlechten Tagen besser trifft als ich, lasse ich lieber offen). Das ist ungefähr das, was ein guter Redenschreiber nach ein paar Jahren im Kopf hat.
Ein Beispiel aus nächster Nähe
Wie das konkret aussieht, zeigt die Entstehung dieses Artikels. Die Idee habe ich diktiert, mit der Textredaktion als Kernargument. Die KI hielt dagegen: Damals stand mein Name über dem Artikel und nicht der der Chefredaktion, obwohl die Idee von ihr kam, nach dieser Logik müsste heute also die KI drüberstehen. Ich habe den Einwand geprüft, ihn zum Teil gelten lassen, und das Argument ist dadurch schärfer geworden. Das ging über mehrere Gespräche so.
Der Vergleich mit der Rede, mit dem dieser Text beginnt, stammt übrigens von der KI. Ich fand ihn besser als meinen eigenen und habe ihn übernommen, was, wenn man es recht bedenkt, genau das ist, was eine Bundesrätin mit einem guten Vorschlag ihres Redenschreibers tut. Ein Ghostwriter widerspricht seinem Auftraggeber übrigens selten. Eine gute Textredaktion tut es dauernd.
Also: selbst geschrieben?
Diesen Artikel hat eine KI geschrieben. Ich habe ihn angestossen, ihm widersprechen lassen, ihn geprüft und freigegeben, und ich stehe für jeden Satz darin gerade.
Habe ich ihn selbst geschrieben? Nein. Ist es mein Artikel? Ja. Er ist meines Geistes Kind, und Kinder sagen bekanntlich selten genau das, was man ihnen vorgesagt hat, sondern das, was man ihnen mitgegeben hat.