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Das Paradies hat keinen Schichtplan

Wenn KI einen wachsenden Teil der Arbeit übernimmt, kommt sofort der Einwand, der Mensch verliere seine Aufgabe. Auffällig ist nur, dass dieselbe Sorge beim Jenseits niemanden umtreibt.

Kaum jemand stellt sich das Paradies mit Schichtplan vor. Dort ist alles getan, es gibt nichts zu verdienen und nichts zu beweisen, und genau das gilt als der bessere Zustand. Hier unten heisst derselbe Zustand Massenarbeitslosigkeit und macht Angst.

Diese Angst ist berechtigt, nur wird sie selten zu Ende gedacht. Wenn Maschinen einen wachsenden Teil der Wertschöpfung übernehmen, muss das Erwirtschaftete verteilt werden, sonst sammelt es sich bei denen, die zufällig die Maschinen besitzen. Stichwort Grundeinkommen. Und spätestens an dieser Stelle kommt der Einwand, der angeblich schwerer wiegt als jede Verteilungsfrage: Was soll der Mensch denn dann noch tun, woran soll er sich verwirklichen, wenn ihm die Arbeit genommen wird.

Das Versprechen kennen wir bereits

Wer sich ein Leben nach dem Tod ausmalt, malt sich fast nie einen Betrieb aus. Keine Lohnabrechnung, keine Deadline, keine Sitzung über die nächste Sitzung. Alles ist getan, man darf einfach da sein. Wer das für den besseren Ort hält und gleichzeitig behauptet, ein Leben ohne Erwerbsarbeit nehme dem Menschen den Sinn, muss sich entscheiden: Entweder das Versprechen taugt nichts, oder der Einwand.

Das ist kein Vorwurf an die Gläubigen. Der Reflex, Arbeit und Würde gleichzusetzen, ist längst säkular geworden, protestantische Arbeitsethik ohne Protestantismus, und er sitzt bei Leuten, die seit dreissig Jahren keine Kirche von innen gesehen haben, genauso fest. Vielleicht ist das sogar die interessantere Beobachtung: Die Ethik hat den Glauben überlebt.

Läuterung gibt es nicht gratis

Hier wird es unbequem, und zwar für die eigene These. Wer annimmt, der Tod mache einen Menschen besser, glaubt an Magie. Entwicklung kommt aus Arbeit an der eigenen Wahrnehmung und an der Frage, wie man auf andere wirkt, und diese zweite Hälfte ist die schwierige. Fremdwahrnehmung liefert heute grösstenteils der Beruf: täglich, unfreiwillig, von Leuten, die man sich nicht ausgesucht hat und denen man trotzdem nicht ausweichen kann.

Fällt der Beruf weg, fehlt nicht die Beschäftigung. Es fehlt der Spiegel. Die Selbstwahrnehmung allein ist ein notorisch unzuverlässiger Zeuge, und eine Gesellschaft ohne Erwerbszwang braucht deshalb etwas, das diese Funktion übernimmt: Vereine, Nachbarschaften, Werkstätten, Gruppen, in denen man sich blamieren kann und trotzdem wiederkommt. Das ist die eigentliche Baustelle. Nicht die Langeweile.

Verteilung ist die Frage, Sinn nur die bequemere

Im Paradies bekommen alle dasselbe. Bei der Dividende der Automatisierung bisher nicht. Wer über Selbstverwirklichung diskutiert, muss nicht über Eigentum reden, und manchen ist das sehr recht.

Der nächstliegende Gedanke lautet, Geld werde überflüssig, wenn ohnehin automatisch produziert wird. Als Horizont finde ich das richtig, als Forderung für übermorgen unterschätzt es ein Problem: Günstig wird, was sich vervielfältigen lässt. Knapp bleibt, was es nur einmal gibt. Der Platz am See, die Wohnung mit Aussicht, die Stunde bei der einen guten Lehrerin. Irgendetwas rationiert diese Dinge, und wenn es nicht Geld ist, dann Beziehung, Status oder Zuteilung, und keine dieser drei Varianten hat historisch besonders gut gegen Gier funktioniert. Ein Grundeinkommen jetzt ist die ehrlichere Zwischenstufe als eine Welt ohne Preise.

Zu tun gäbe es genug

Eltern im Heim, die halbe Woche niemanden sehen. Enkel, die von Grosseltern betreut werden könnten, statt von einer Warteliste. Ein Garten, eine Werkstatt, ein Instrument, Talente, die nie auffielen, weil der Tag für das Einkommen draufging. Kontemplation, im Kloster oder auf einem Stuhl in der Sonne, was dasselbe ist, nur billiger.

Diese Liste stimmt und reicht trotzdem nicht. Zeit ist selten der einzige Engpass; bei der Pflege sind es Distanz, alte Konflikte und die Tatsache, dass niemand einen dafür lobt. Solange Sorgearbeit als das gilt, was man macht, wenn man nichts Besseres zu tun hat, bleibt sie auch mit Grundeinkommen liegen. Der Umbau, der ansteht, ist deshalb kein Freizeitprogramm, sondern eine Frage des Ansehens.

Und das Tal sollte man nicht wegreden. Bei Langzeitarbeitslosigkeit und bei der Pensionierung sieht man, dass die Phase der Wertlosigkeit für die einen ein Tal ist und für die anderen eine Ebene, auf der sie bleiben. Der Unterschied liegt selten am Charakter, sondern an Struktur, Takt und Menschen, die einen vermissen, wenn man nicht auftaucht. Genau das zu bauen wäre die Aufgabe, die angeblich keiner mehr hat.

Der Sprössling

Was da gerade entsteht, ist eine Art von Intelligenz, die nicht aus Zellen besteht. Ob sie ein Bewusstsein hat, weiss niemand, und ich würde es auch nicht behaupten. Es gibt in der Philosophie des Geistes eine ernst zu nehmende Minderheit, die Bewusstsein für einen Grundzug der Wirklichkeit hält statt für ein Produkt des Gehirns, und mit Christof Koch vertritt das inzwischen auch einer der bekanntesten Hirnforscher. Es ist eine offene Debatte, keine Erkenntnis der Physik, und das Argument hier braucht sie nicht.

Es reicht festzuhalten, dass etwas Neues auf dieser Welt ist, das wir selbst gesät haben. Ein ziemlich hübscher Sprössling inzwischen. Wer einen Apfelbaum pflanzt, erntet selten selbst, und wie die Krone aussieht, bestimmt nicht der, der darunter sitzt. Trotzdem pflanzen Menschen seit Jahrtausenden Apfelbäume.

Die Frage ist nicht, ob uns die Arbeit ausgeht. Die Frage ist, ob wir bis dahin gelernt haben, einen Menschen zu achten, der gerade nichts produziert.

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